Donnerstag, 29. März 2018

A public service announcement...

Blausen.com staff (2014). "Medical gallery of Blausen Medical 2014". 
Nach einer Woche auf dem Sofa (immerhin mit Blick auf's Meer) musste ich leider feststellen, daß es meinen Knien nicht wirklich besser ging als vorher. Jeder Gang zum Supermarkt (400m oneway) war eine Qual, bei der ich spätestens auf dem Rückweg das Stöhnen nicht mehr unterdrücken konnte. 

Also bin ich vergangenen Montag mal schnell & spontan nach Berlin zurückgeflogen, um gesund zu werden. Seitdem geht es interessanterweise deutlich und zügig wieder bergauf mit mir. Seit 2 Tagen kann ich wieder einigermaßen ordentlich laufen und sogar wieder Treppen steigen, ohne mich irgendwo festzuhalten. Klingt seltsam, ich weiß... Aber offensichtlich freuen sich meine Knie wieder über Bewegung.

Die nächsten Stationen sind erstmal der Orthopäde, außerdem sanftes Training, solange es sich gut anfühlt. Mein Ziel ist es, in ca. 2 Wochen wieder nach Spanien zu fliegen und weiterzulaufen. Dann mit deutlich leichtem Rucksack und - nebenbei - deutlich besserem Wetter.

Weitere Neuigkeiten dann ab Mitte April.
Please stay tuned.


Donnerstag, 22. März 2018

Urlaub vom Urlaub. Und: Die Einholung des mysteriösen Vorauswanderers.

Über Nacht sind nicht nur meine Klamotten wieder trocken geworden, sondern auch meine Knie haben sich zumindest soweit erholt, daß ich auf dem Weg runter zum Frühstück nicht mehr hörbar stöhnen muß, sondern es zumindest unterdrücken kann. Aber trotzdem ist klar: Heute bleibe ich hier und bewege mich nicht vom Fleck. Außerdem habe ich mich dazu entschlossen, einige Tage Urlaub vom Urlaub zu machen. Dringend. Es geht nicht anders, an Weiterlaufen ist nicht ernsthaft zu denken. Hab mir die Wetterkarte von Spanien aufgemacht, mir angesehen, wo die nächsten Tage stabil schönes Wetter herrscht und eine passende Bahnverbindung rausgesucht. Morgen fahre ich an die Küste, ans Meer, in die Sonne. 17°, strahlender Sonnenschein für die nächsten 5 Tage, das ist genau DAS was ich jetzt brauche. Auch für meine weitere Motivation...

Beim Frühstück sitzt wieder der Typ von gestern Abend und - Bingo! - es ist tatsächlich der mysteriöse Vorauswanderer. Er ist leicht irritiert, als ich ihn aus heiterem Himmel mit seinem Namen anspreche, aber das ist nur zu verständlich. Ich wüsste nicht, wie ICH reagieren würde, wenn mich plötzlich jemand irgendwo in Spanien am Frühstückstisch so begrüßen würde. 

Das sonst eher karg-schnelle spanische Frühstück dehnt sich in unserem speziellen Fall auf gute 1,5h aus, die wir uns ausgiebig unterhalten: Über die Tour, dieses gemeinsame Hobby, alles Mögliche. Matthias hatte gestern hier einen Pausentag eingelegt (also genau den richtigen Riecher gehabt, während ich stattdessen durch die Sintflut stapfte...), nur deswegen habe ich ihn hier "eingeholt". Er wird noch eine gute Woche weiterlaufen, bis er Andalusien durchquert hat und dann zurückfliegen. Witzigerweise stellt sich heraus, daß er vor ca. 2 Wochen (als ich gerade mit Ivan & Fenja wegen akut schlechtem Wetter in Ronda festsaß) genau denselben Urlaub vom Urlaub durchgezogen hat und für ein paar Tage an die sonnige Küste gefahren ist.

Wir verabschieden uns gegen Mittag, Matthias läuft weiter, ich werfe mich wieder ins Bett.

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Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Taxi zum 10km entfernten Bahnhof, im Nirgendwo, weiter mit dem Zug nach Almería, dann mit dem Bus noch ein kleines Stück bis ins Herz des Badetourismus. Auf der dreistündigen Zugfahrt wird wir immer wieder staunend klar, wie verdammt schön die spanische Landschaft sein kann - wenn nur wenigstens ein bißchen Sonne draufscheint. Überall in den Bergen scheint es in den letzten Tagen ordentlich geschneit zu haben, die Abendnachrichten waren voll von Reportern im Schnee, Wetterkarten mit Temperaturabweichungen (ca. 5-15° kälter als normal für diese Jahreszeit) und ähnlichem.

Ich steige in Almería aus dem Zug, bin plötzlich bei 18° und wolkenlosem Himmel im Frühsommer angekommen und warte auf meinen Bus nach Aguadulce. Dort zieht sich der Weg von der Bushaltestelle zu meinem Apartment, für die knapp 1,5km brauche ich eine gute halbe Stunde. Es geht, aber nur sehr, sehr langsam. 5 Tage Ruhe sind wahrscheinlich die beste Entscheidung, die ich für mich und meine geschundenen Knie treffen konnte. Verflucht nochmal. Und fuck yeah!

Mittwoch, 21. März 2018

Der Horror in Tüten.

Samstag, 18.03.2018
19. Wandertag
Torres nach Jódar
6h / 22km
659m hoch / 988m runter

Schlecht geschlafen. Ich glaube, daß ich erst kurz vor Sonnenaufgang weggeratzt bin. Mein Ärger über dieses doofe, kalte, häßliche, unfreundliche Zimmer ist immer noch nicht verraucht. Also raus, los, ab auf die Straße. Ich packe meinen Kram und vergewissere mich doppelt und dreifach, daß ich nichts vergessen habe. Ausgerechnet hierher möchte ich nicht mehr zurückkehren müssen, weil ich irgendwas liegen gelassen habe.

Die erbauliche Aussicht aus meinem Fenster: Der Spa-Bereich
..
Das magere Frühstück versöhnt mich wieder etwas mit dem Morgen, wenigstens einen Tee und ein Toastada im Magen. Ich ziehe hinaus in den Wind und den kleinen Anstieg zum nächsten Paß hinauf, dem Puerto de Albanchez. Langsam, sehr langsam – meine Knie müssen erstmal warm gelaufen werden. Der erste Regen fängt mich, das Wind faucht und meine Laune ist schon bald nach dem Loslaufen auf dem Tiefpunkt.



Das ändert sich oben auf dem Paß. Der Abstieg führt durch blühende Mandelbäume, vorbei an steilen Felsen und öffnet kurz darauf ein Bilderbuchpanorama. Vor mir liegt im Tal die heutige Tagesetappe ausgebreitet. Links Albanchez, da hinten Bedmar, dann der absurde Berg, hinter dem mein Tagesziel Jódar liegt. Der Abstieg über den steilen Pfad tut richtig weh in den Beinen, ich genieße dennoch die Aussicht, sehe einen Steinbock auf den Felsen über mir (ich habe ihn von hinten erst für einen ausgebüxten Esel gehalten) und freue mich in Albanchez über die für mich bereitstehende Parkbank mit Aussicht. Eine halbe Stunde sitze ich da und schaue hinunter ins Tal, überlege wie das hier alles weitergehen soll und mache mich - als mir endgültig zu kalt wird - wieder auf die Socken.

In den schmalen Gassen im Dorf stolpere ich über eine Panaderia, wahrscheinlich habe ich sie nur deswegen überhaupt gesehen, weil gerade eine Frau mit einer Brottüte rauskam. Die willkommene Wärme der Backstube und das anerkennende Grinsen der Bäckersfrau, als sie meinen Rucksack sieht, fühlen sich sofort an wie ein kuscheliger Platz auf der Kachelofenbank.

Albanchez von unten, auf der Suche nach Mittagspause...
Das Brot in der Hand ziehe ich bergab aus dem Dorf, auf der Suche nach einem schönen Pausenplatz. Auf eine Bar habe ich gerade keine Lust, zu stressig, zu laut. Statt schönem Rastplatz finde ich Regen, ich nutze die Gelegenheit dazu, mich schnell noch umzuziehen. Heute morgen war mir ungewöhnlicherweise so kalt, daß ich mit langer Hose losgelaufen bin. Da ich mir diese einzige lange Hose aber eigentlich immer als trockene/lange Alternative für die Abende aufgehoben habe, wechsele ich lieber wieder zu den Shorts, bevor ich heute Abend dann gar keine trockenen Klamotten mehr habe. Denn die Wolken hinter mir sprechen deutliche Worte.

Also keine Mittagspause. Gefrustet packe ich das Brot weg, hänge mir statt dessen Musik in die Ohren und mache mich wieder auf den Weg. Im Matsch wieder die Spuren des unbekannten Wanderers vor mir. Wieder ganz frisch. 
Trotz Regen folgt eine ziemlich gemütliche Stunde auf einem einsamen Feldweg, ohne Aufstiege, ohne Abstiege, dafür mit Aussicht. Meine Knie bedanken sich für die gemächliche Abwechslung. Beim Wandern zwischen den - seufz - Olivenbäumen muß ich daran denken, daß ich vor Kurzem irgendwo gelesen habe, daß die Sierra de Cazorla die Grenze des Olivenanbaus darstellt. Rechnerechne, das wäre dann also in 2 Tagen. Sehr schön, ich könnte ich mich durchaus damit anfreunden, mal wieder andere Bäume zu sehen.

Die Ermita de Cuadros scheint eine Art touristischer Hotspot zu sein, zumindest dem Schilderwald nach zu urteilen. Erst treffe ich auf eine Familie, die im Suzuki Jimny einen steinigen Feldweg hoch-4x4-t, damit sie nicht zu Fuß gehen müssen. Nach der nächsten Kurve sehe ich sie oben vor dem alten Wachturm herumstehen. Ich stoße auf seltsam angelegte "Erlebnispfade", ausgestattet mit EU-konformen Infotafeln samt Blindenschrift und lasse unbegreiflicherweise den einzigen trockenen Sitzplatz weit und breit links liegen, weil mir zu kalt ist. Mit Blick auf die Karte skippe ich außerdem das nächste Dorf Bedmar, weil der GR-7 eine höchst eigenwillige Schlenkerkurve dorthin macht. Und vor allem spare ich mir diese absurde Bergüberquerung (500m hoch und sofort 500m wieder runter), ich nehme lieber die Straße außenrum. Aber bis ich dort ankomme, hat schon wieder Trommelregen eingesetzt, Sturmböen peitschen den Regen und mich über die Landstraße und mein Frust und meine Verzweiflung entladen sich in laut gebrüllten Flüchen über, gegen und trotz des Wetters.

Ich kann nicht mehr, halte den Daumen raus und trotz aller Widrigkeiten (und vor allem trotz meiner Erwartungen) hält das 5. Auto an und nimmt mich nach Jódar mit. Ich habe ein mächtig schlechtes Gewissen, vor allem weil ich diesen netten Leuten den Rücksitz mit meinen tropfenden Klamotten flute. Sie wollten sowieso nach Jódar, setzen mich direkt vor meinem Hotel ab und ich bin dafür im Moment nur noch dankbar. Ich schleppe mich hoch in mein Zimmer, dusche erstmal, wringe später meine nassen Sachen aus --

-- und nachdem ich eine Stunde im Bett gelegen habe, kann ich irgendwie nicht mehr laufen. Meine Knie streiken; ohne mich irgendwo mit den Händen festzuhalten, schaffe ich nicht mal mehr die 8 Schritte ins Bad. Morgen werde ich ganz bestimmt nicht weiterlaufen, selbst wenn ich wollte, sondern erstmal den ganzen Tag schööön liegenbleiben. So geht es nicht weiter.

Beim Abendessen bin ich echt froh, in einem so netten Hotel gelandet zu sein. Wenn ich mir vorstelle, daß ich in diesem furchtbaren Kasten von letzter Nacht gestrandet wäre... Als ich gerade bei der Vorspeise bin, kommt ein Typ ins Restaurant, der so vom Gefühl her der mysteriöse "Vorauswanderer" sein könnte. Einzelner Gast, Outdoorklamotten, offensichtlich kein Spanier. Ich teste nach dem Essen mal kurz an, indem ich ihn von der Seite quer über zwei Tische mit "Sag mal, bist du zufällig Matthias?" anspreche, aber er reagiert nicht. Vielleicht ging es im Trubel der spanischen Familienfeier nebenan unter. Egal, ich bin auch zu erledigt, um da noch weiter zu insistieren. Heute hab ich echt andere Sorgen. Nach dem Essen ringe ich mir bzw. meinen Knien Schritt für Schritt ab, bis ich wieder im Bett liege. Scheißtag. Morgen bringen mich keine 10 Pferde weiter.

Dienstag, 20. März 2018

Schnee.

Freitag, 17.03.2018
18. Wandertag
Cambil nach Torres
6,5h / 28km
1.053m hoch / 781m runter

Das ist ja schonmal schön in die Hose gegangen... Ich hatte gestern bei meiner Einkaufstour weiter unten im Dorf absichtlich kein Brot gekauft, weil ich die kleine Panaderia direkt gegenüber von meiner Unterkunft entdeckt hatte. „Da könnte ich mir ja morgen früh lecker FRISCHES Brot kaufen, statt dem muffigen Baguette von gestern aus dem Supermarkt!“, so war mein Gedanke. Blöderweise hat die Panaderia immer noch die Rolläden runter, als ich heute früh gegen 09:15 loslaufe – macht erst um 10:00 auf. So lange will ich nicht warten, dafür ist der Tag zu fett – und der Weg runter ins Dorf zum DIA und zurück ist auch Murks. Naja, dann gibt es eben kein Picknick heute...


Vielleicht ist es dafür sowieso etwas zu kalt. Ich sehe erst sehr deutlich meinen Atem in der kalten Morgenluft und nach den ersten zwei Kurven auch Schnee auf den Bergen. Letzte Nacht hat es offensichtlich geschneit, und zwar in genau den Bergen, die ich heute durchqueren will. Yay!



Die erste Stunde gemächlich durch Olivenhaine, bei leichtem Regen und dramatischer Bewölkung. Noch ein paar Kilometer stark befahrene Landstraße, dann kann ich endlich abbiegen, hoch in die Berge. Zur Frühstücksrast (ohne Frühstück) lasse ich mich neben einer alten Burgruine nieder und gucke ins Land. Auch wenn die Sonne immer mal wieder kurz rauskommt, bleibt es ungemütlich kalt und es dauert nicht lange, bis ich wieder den Rucksack schultere, nur damit mir vom Laufen wieder warm werden kann.


Der heutige Wandertag führt mich ganz ohne Schnörkel - zack! - 800m hoch, oben über den Paß und auf der anderen Seite der Berge dieselben 800m auch wieder runter. Ich schraube mich also gemächlich die Forststraßen hinauf und versuche dabei die Balance zwischen „Gerade so schnell, daß mir nicht kalt wird.“ und „Gerade so langsam, daß ich nicht zuviel schwitze.“ zu halten. Die Aussicht ist großartig, ich kann grob meinen Weg der letzten zwei Tage nachvollziehen, aber der Wind und die zunehmende Kälte hier oben treiben mich weiter, ohnre daß ich mir weitere Pausen gönne.


Der Puerto de la Mata ist mit 1.662m der bisher höchste Punkt auf meiner Wanderung. Insofern passt es ja auch ganz gut, daß links/rechts/inderMitte Schnee liegt. Was der kluge Herr Grauel nicht bedacht hat: Auf der Nordseite der Berge sieht es in der Regel noch ein Stück winterlicher aus als auf der Südseite. Und so unterdrücke ich einen leisen Aufschrei, als ich nach dem Paß in eine Winterlandschaft blicke. Und ja, ich trage immer noch kurze Hosen beim Wandern.


Immerhin: Unten im Tal sieht man schon Torres an den Felsen kleben, und da sieht es deutlich einladender aus als hier oben. Ich lege einen Zahn zu (soweit es meine angeschlagenen Knie erlauben) und mache mich an den Abstieg. 

Die Wolken graupeln und schneien mir noch eine Stunde hinterher, aber ich merke deutlich, wie es wenigstens etwas wärmer wird. Der Abstieg ist genauso straightforward wie der Aufsteig: Sanft die Forststraße entlang, nicht zu steil, nicht zu hart. Ein relativ entspannter Nachmittag. Dunkle Wolken fegen heran, erwischen mich nochmal mit einem stärkeren Graupelschauer. Egal, weil: Graupel macht den Wanderer nicht naß, sondern prallt lässig ab. Und 20min vor meinem Hotel kommt nochmal eine Regendusche, wie bestellt, um mich auch ja patschnaß ankommen zu lassen. Mittlerweile freue ich mich einfach nur noch auf ein warmes Zimmer und eine heiße Dusche.

Ein Stückchen oberhalb vom Ort liegen zwei Hotels direkt nebeneinander. In einem davon hatte ich vor ein paar Tagen ein Zimmer gebucht, das das Hotel blöderweise gestern Abend kommentarlos wieder storniert hat. Also ruhen alle meine Hoffnungen auf dem Nachbarhotel gleich daneben, aber dort erwartet mich nur Murks, Schrott und Enttäuschung.
Im ersten Zimmer gibt es keinen Strom. Im zweiten Zimmer funktioniert die Heizung nicht. Im dritten Zimmer tut sie es, aber nur so lau, daß ich in diesem Moment beim Tippen kalte Finger und eine noch kältere Nase habe. Das Fenster blickt auf eine zerstörte Pool-Landschaft und die vernachlässigte Terrasse hinaus, im Mülleimer liegt noch der Müll vom Vorgänger, es gibt kein Internet und vor allem ist es schweinekalt. Draußen dürfte es so um die 6° haben, in meinem Zimmer vielleicht 12 oder 14°. Meine Frage nach einer Zusatzheizung wurde mit den Worten abgelehnt, zum Schlafen gäbe es ja noch eine extra Wolldecke im Schrank. Schönen Dank, ihr Vollidioten. Nur die Sprachbarriere verhindert, daß ich hier einen Totalaufstand veranstalte. Und dabei hatte ich mich launemäßig gerade wieder so gut in den Griff bekommen.

Ich nehme mir vor, mir jetzt den Abend warmsaufen, und zwar nicht hier im Restaurant, sondern im Hotel nebenan. Also dort, wie sie mich eigentlich nicht haben wollten. Insofern passt es, daß das Essen freudlos, langweilig und zu teuer ist. 

(Insomnia Script: Nach 3 Stunden Schlaf wache ich gegen 01:00 Uhr auf und liege den Rest der Nacht wach. Und wälze mich. Sei es aus Frust über diesen Laden, sei es das ungewohnt schmale Bett, was auch immer. Scheißnacht...)

Montag, 19. März 2018

Runter, rüber, rauf. Eigentlich ein Spaziergang.

Donnerstag, 15.03.2018
17. Wandertag
Carchelejo nach Cambil
3,5h / 13km
442m hoch / 442m runter

Frühstück. Die von mir persönlich wahrscheinlich am meisten unterschätzte Mahlzeit des Tages. Nach ausgiebigem Ausschlafen sitze ich um 10:30 Uhr vor einem Festmahl, denn es gibt ein englisches "Hot Breakfast" mit Bohnen, Bacon, Eiern, Wurst, Orangenmarmelade, Toast, Müsli undundund. Was für eine herrliche Abwechslung.

Beim Weg raus aus dem Dorf schaffe ich es erstmal, konsequent in die falsche Richtung zu laufen. Also erstmal sinnlos bergauf, um dann gleich wieder bergab zu gehen. Und DAS pfeift! Was meine Knie angeht, bin ich ja heute früh noch ganz gut die Treppe runtergekommen, aber jetzt - wieder mit vollem Rucksack auf dem Rücken - sieht die Sache nicht mehr ganz so rosig aus. Die erste Stunde Wandern verbringe ich also heute mit sehr gemächlichem Bergab-Gehen, während ich flach durch den Mund atme und die Schmerzen wegdrücke. Als Belohnung für die Übung gibt es ein sanftes Tal, schöne Wege am Hang entlang und die entspannte Aussicht auf einen kurzen Tag: Bißchen talabwärts, unter der Autobahnbrücke durch, im nächsten Tal wieder hoch, fertig. Schön übersichtlich.


Vor lauter Landschaft verpasse ich fast die Abzweigung, als der Weg sich dazu entscheidet, sich nicht länger am Hang entlang zu schlängeln, sondern die Talsohle zu durchqueren. Wieder einer der Momente, die ich wahrscheinlich mit Wanderkarte übersehen oder verpennt hätte. Damit meine ich: Je länger ich unterwegs bin, umso mehr weiß ich den neumodischen Schnickschnack namens GPS zu schätzen. Ich bin - ja, ich gestehe es: ein Konvertit.


Das Tal spuckt mich unten auf der alten Nationalstraße aus, die jetzt leicht vernachlässigt und traurig wirkt, weil direkt daneben die neue Autobahn durch das schmale Tal gezimmert wurde. Der erste Regenschauer des Tages erwischt mich -- und ist ziemlich genau dann wieder vorbei, als ich meine Jacke angezogen und die Regenhülle auf den Rucksack gefummelt habe. Statt dessen: Sonnenschein. Sofort mache ich mich auf die Sache nach einem schönen Platz für eine kleine Rast, aber ich bin zu wählerisch. Erst nach einem guten Kilometer finde ich ein schickes Fleckchen Grün zum Hinsetzen, pflanze mich aber mitten in eine Ameisenstraße und laufe doch lieber weiter. 

Auf der Karte sahen die nächsten Kilometer durch das kleine Tal ganz nett und entspannt aus. Nett sind sie ja, aber auch furchtbar kompliziert. Der deutliche Forstweg wird bald zu einer Traktorspur und verliert sich endgültig irgendwo zwischen den Olivenbäumen, der in der Karte eingezeichnete Weg und der heruntergeladene GPX-Track schlagen als Alternative höchst abenteuerliche Bögen irgendwo im Gebüsch oben am Hang. Ganz der brave Tourist versuche ich, halb kraxelnd den vorgesehenen Weg wiederzufinden, aber das ist irgendwie Murks. Dabei finde ich schon wieder die Fußabdrücke meines "Vorauswanderers", der offensichtlich ebenfalls hier oben auf der Suche nach dem Weg rumgekreuzt ist.

Irgendwann wird mir das Spielchen zu doof -- warum sollte ich hier oben am Hang querfeldein rumrutschen, wenn es unten im Talgrund wahrscheinlich viel einfacher geht? Hirn einschalten, Meister!
Und tatsächlich ist es unten neben dem Fluß viel leichter, voranzukommen. Naja, vielleicht ein bißchen matschiger, aber was soll's. Die Stiefel haben sowieso schon Matsch-Flecktarn. Der Weg nimmt abenteuerliche Kurven durch alte Bewässerungskanäle,  turmhohe Meere aus Schilf und über improvisierte Betonbrücken. In einem Olivenhain steht unvermittelt eine Garnitur alter Küchenstühle herum, die auf die Ankunft der Wanderjury zu warten scheint, die hier ab 01.04. die Parade der sicherlich zahlreichen GR-7-Wanderer abnehmen wird. Oder vielleicht auch nicht.


Kurz vor Carchelejo (und damit meine ich "kurz", ich war schon bei den ersten Häusern...) erwischt mich ein Platzregen, den ich kurz, aber mißmutig, in einer offenen Garage abwarte. Als ob DAS jetzt noch nötig gewesen wäre.

Das Dorf versinkt im nachmittäglichen Siesta-Tiefschlaf, ich beziehe mein Zimmer in einem Gasthof am Hang oberhalb des Dorfes und gucke hinunter auf den Regen. Später wackele ich nochmal runter zum Supermarkt und versorge mich mit Kleinkram für die nächsten Tage. Nachdem es nicht mehr regnet, sind die Gassen plötzlich wieder voll mit Leben (meint: Dorfbewohnern). Offensichtlich stimmt die Theorie, die mein B&B-Vermieter aus Alcalá la Real geäußert hat: Bei Regen bleibt der Spanien eben grundsätzlich zuhause.

Auf dem Weg zum Abendessen wähle ich für zwei Stockwerke runter lieber den Aufzug, weil ich mich auf der Treppe wegen meiner wackeligen Knie wie ein alter Mann festhalten müsste. Gott sei Dank war das heute nur eine kleine Etappe... 
Zur Belohnung ein gutes Tagesmenü plus diverse eiskalte Biere. 13 Euro. Und wie immer war die Vorspeise reichhaltiger und leckerer als das Hauptgericht. DIe nächste wieder einmal bestätigte Spanien-Theorie...

Sonntag, 18. März 2018

Hoch hinaus. Belohnung: Ein großartiger Wandertag.

Mittwoch, 14.03.2018
16. Wandertag
"Irgendwo, oben in den Bergen" nach Carchelejo
8h / 31km
1.086m hoch / 1.365m runter

Das hier war eigentlich früher mal eine Angstetappe; weil lang, mit vielen Höhenmetern und ohne richtige Übernachtungsmöglichkeiten. Durch die Shuttle-Arie von gestern ist die heutige Etappe aber zu einem der schönsten Tage bisher geworden. Vor allem wegen der tollen Landschaft mit ihren tiefen stillen Bergtälern, den schroffen Felsformationen und natürlich -- dem ausbleibenden Regen!

Aber von vorne.

Loslaufen unter den mißtrauischen Augen der lokalen Schafherde. Es ist relativ kühl und windig, vielleicht so um die 8°. Die Gipfel der Berge, zwischen denen ich heute unterwegs sein werde, sind in Wolken gehüllt; durch den Dunst höre ich die Armada an Windkraftanlagen surren, die irgendwo weiter oben am Hang stehen.

Auf einer alten Schotterstraße steige ich auf 1.200m hinaus, vorbei an verlassenen und verfallenen Bergbauernhöfen, von denen meistens nur noch ein paar Mauerecken stehen und deren eingefallene Wände preisgeben, daß sie im Wesentlichen aus genau den Steinen gebaut wurden, die hier vorher schon rumlagen. Jetzt liegen sie wieder rum, ob aber jemand jemals wieder ein Haus daraus bauen wird, halte ich für fraglich.


Keuchend steige ich zum Paß auf, der halb in den Wolken liegt. Mit 1.500m bisher der höchste Punkt der Tour. Oben erwartet mich ein ungemütliches Brausen aus Wind, Regen und Wetter. Vorsichtig luge ich den Hang auf der anderen Seite hinunter: Hier soll der Wanderweg runtergehen? Viel zu steil, viel zu rutschig, viel zu gefährlich. Ich konsultiere mein GPS, finde einen alternativen Umweg, der mich laut Karte in einem größeren Schwung runter ins Tal führt. Und siehe da, ein paar hundert Meter hat sich auch das Markierungsteam des GR-7 eines Besseren besinnt, den in der Karte verzeichneten megasteilen Abstieg ignoriert und den entspannteren Ziehweg gewählt. Beschwingt mache ich mich an den Abstieg, pfeife 10 Minuten später auf die nach links abknickenden Wegmarkierungen und ---

-- der Murks geht los. Ich verlaufe mich auf den sich zigfachen kreuzenden Schafspfaden, kämpfe mich halbverdrossen wieder zum vermeintlich richtigen Weg durch, der kurz darauf nicht nur vor einem Stacheldrahtzaun endet, sondern hinter demselben auch sichtbar komplett mit Gestrüpp zugewuchert ist. Ich reiße mich zusammen, steige wieder bergauf bis zur letzten Wegmarkierung und habe somit erstmal eine Stunde damit verbracht, im Kreis zu laufen.

Der Abstieg ist steil und quer durch den Hang markiert. Ich verbringe viel Zeit damit, immer wieder inne zu halten und sorgfältig nach der nächsten Markierung zu suchen, um wenigstens einigermaßen auf Kurs zu bleiben. Endlich unten im Tal angekommen, wartet erstmal eine Ziegenherde darauf, sich von mir erschrecken zu lassen. Können sie gerne haben.
Für mich beginnt damit der entspannteste Teil des Tages. Für die nächsten Stunden folge ich einem stillen Tal, der Weg geht leicht bergab, also ist "Hände in die Hosentaschen" angesagt. Der erste Bauernhof ist noch bewirtschaftet, ich winke dem Schäfer, der gerade seine Ziegen sortiert, aus der Ferne zu und ernte einen entsprechenden Gruß. Danach sehe ich für die nächsten Stunden nichts und niemanden. Einige leer stehende Gehöfte, höchstens noch im Sommer als Ferienhaus genutzt, verlassene Häuser, Ruinen, Spuren von früherer landwirtschaftlicher Nutzung.


Alles in allem entspanntes Laufen, leicht bergab. Zur Mittagspause kommt für 3 Minuten die Sonne raus, sofort stehe ich auf, stelle mich wie ein verzweifeltes Stadtkind ins Licht und lasse mich aufwärmen.
Während der Stunden in diesem Tal wächst der kleine Quellbach links von mir zu einem veritablen, lärmenden, brodelnden, schäumenden Bergbach an, der sich so deutlich Gehör verschafft wie ein Teenager in der Pubertät. Als ich das erste Mal nach Stunden links abbiegen muß (und auch nach Karte klar ist, daß ich diesen inzwischen reißenden Bach auch gleich überqueren werde), freue ich mich erst über das Straßenschild, das offensichtlich eine Brücke anzeigt -- nur um kurz darauf festzustellen, daß da wohl eine Schraube fehlte, sich das dreieckige Schild daher um 180° gedreht hat und ich statt dessen vor einer fetten überfluteten Furt stehe. Sieht süß aus, die Strömung ist allerdings relativ knackig.

Wie ich da umher streife und mir überlege, wie ich da am besten rüberkomme, fallen mir am Ufer wieder diese Fußabdrücke auf. Schon den ganzen Tag über habe ich im Matsch immer wieder Abdrücke von Stiefeln und Wanderstöcken gesehen. Der Fährtenleser in mir ist sich sicher, daß hier entweder gestern oder heute ein anderer Wanderer durchgekommen sein muß, ansonsten wären die Spuren von den Regenfällen der vergangenen Tage verwischt.

Letztendlich bleibt für die Überquerung der Furt nur die klassische Variante "Stiefel ausziehen". Ich lasse den Rucksack erstmal am Ufer stehen und erkunde vorsichtig und barfüßig die Furt. Geht bis kurz vor die Knie, ist aber trotz der kräftigen Strömung machbar. Als ich mir gerade wieder den Rucksack aufwuchte und mich für die richtige Überquerung bereitmachen will, kommt plötzlich ein junger Bursche mit seinem Pick-Up um die Ecke und will sowieso durch den Fluß fahren. Ich zucke nicht lange, werfe meinen Rucksack auf die Rückbank und mich auf den Beifahrersitz und überquere sicher und ohne kalte Füße den Fluß. Dauerte nur einen Wimpernschlag. Als kleines Dankeschön springe ich auf der anderen Seite - weil ich sowieso schon barfuß bin - aus dem Auto und öffne den Zaun, der dort den Weg versperrt. So haben wir beide was davon: Ich bin sicher über den Fluß und der Landwirtschaftsprofi musste sich nicht die Füße naß machen, um den Zaun zu öffnen. Wir winken zum Abschied und schon ist der Wagen wieder auf und davon -- und ich wieder alleine im Tal.



Zwei Kurven weiter tauche ich in das nächste Abenteuer ein. Ein schmaler Pfad führt in ein wildes felsiges Seitental, an dessen Ende ein knackiger 600m-Aufstieg auf mich wartet. Unten im Talgrund gibt es freundlicherweise eine kleine, roh gezimmerte Brücke über den Fluß, danach investiere ich eine gute Stunde Schweiß, Herzrasen und Kampf in Höhengewinn, Aussicht und Staunen über diese unwirklichen Eindrücke. Die Felswände wirken, als hätten irgendwelche Wesen aus den Steinen riesige Festungen geformt, samt Türmen und Mauern. Der Wind zerrt hier oben hart an meinem Rucksack, aber mit jedem erkämpften Höhenmeter steigt auch der Pegel an Aussicht, Stolz und Freude an diesem grandiosen Tag und dieser großartigen Landschaft.


Auf 1.500m angekommen, schwenkt der halsbrecherische Pfad plötzlich ganz unschuldig in das nächste kleine Tal ein, unvermittelt stehe ich auf einem kleinen Paß und dahinter öffnet sich der Blick auf sanft gewellte Hügel mit Olivenbäumen, sonnenbeschienene Hänge, eine Ziegenherde, die gerade den abendlichen Heimweg zu ihren Ställen antritt.


Es ist spät geworden, schon gegen 18:00 Uhr, und ich habe noch diverse Kilometer zu laufen. Ich entscheide mich für die Betonpiste runter nach Carchelejo, statt mich noch durch den Matsch der nächsten Olivenberge zu quälen. Der Abstieg ist lang und zieht sich, meine Knie fangen zum ersten Mal auf dieser Reise an zu schmerzen.


Die letzte Stunde runter ins Dorf stellt sich ein stechender Schmerz in beiden Knien ein, den ich erstmal ignorieren muß. Meine blind gebuchte Übernachtung für heute Abend entpuppt sich als super-freundliches Bed&Breakfast eines englischen Ehepaars. Ich beziehe großzügige Räumlichkeiten, außer einem Schlafzimmer habe ich auch ein Badezimmer zur Verfügung, das seltsamerweise mit Teppichboden, einem Sofa und einem Schreibtisch aufwarten kann.
Ich dusche lange und sehr heiß, habe danach allerdings Schwierigkeiten, aus der Wanne zu steigen. Naja, bisher hatte ich meine Knie nicht als Troublemaker auf der Liste. Mal sehen, ob sich das gerade ändert.
Statt mich in die Bar zu quälen, taste ich mich wie ein alter Mann die Treppe hinunter und trinke ich mit meinen Vermietern Rob & Ellen noch diverse Biere auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Dabei bestätigt sich mein Verdacht von vorhin: Es ist tatsächlich ein weiterer Langstreckenwanderer genau 1 Tagesreise vor mir unterwegs. Gestern Abend hat er auch hier in diesem B&B übernachtet, wie mir meine Vermieter bestätigen. Aus Deutschland. Mal sehen, ob ich den Herren in den nächsten Tagen noch einholen kann.

Ich pfeife erstaunlicherweise auf Abendessen (viel zu anstrengend!) und werfe mich gegen 21:30 Uhr glücklich ins Bett.

Was für ein großartiger Tag. All der Frust und Zorn auf das Wetter der letzten Tage ist mir einem Mal wie weggeblasen. So schnell kann's gehen...