Donnerstag, 10. Mai 2018

Sonne. Berg. Sandkasten. Bier unter der Dusche.

Blick zurück auf Cieza.
Freitag, 04.05.2018
30. Wandertag
Calasparra nach Cieza
8,5h / 36km 
711m hoch / 856m runter

Großer Tag heute, eine lange Etappe liegt vor mir. Im Frühstücksraum sitzt schon ein älteres Ehepaar aus Dänemark und ist vertieft ins frühmorgendliche Schweigen. Als der nächste Däne mit dem landestypischen "Godmorgen!" auf den Lippen reinkommt, antworte ich reflexhaft mit einem leisen "Guten Morgen!". Hat aber Gott sei Dank niemand gehört...

Mein Hotel für die vergangenen Nächte liegt zwar irgendwie total in der Altstadt, aber von der Haustür bis zum Stadtrand laufe ich gerade mal 1 Minute, nur einmal um die Ecke biegen und schon stehe ich im Brachland. Schnell vorbei an der städtischen Kläranlage, das ist immer ein guter Start.

Zuerst sollte ich vielleicht mal den Star des heutigen Tages vorstellen: Den Almorchón. Ein solitärer Berg, den ich schon die letzten Tage über am Horizont erkennen, um den ich heute herumwandern werde und dessen Anblick aus der Ferne mich sicher auch noch die nächsten Tage begleiten wird. Bergmäßig ist das Ding auf jeden Fall das lokale Highlight, ich hätte ihn mindestens für noch mehr Aussicht gerne bestiegen, aber die Etappe ist auch so schon lang genug. Als muß angucken reichen. Here you go:



Die ersten Stunden laufe ich südlich von der Sierra de Molino entlang stur nach Osten. Um mich herum kahle Hänge, die so wirken, als wären sie halb mit Absicht / halb beim letzten Feuer kahl gelegt worden, kein Buschwerk, kaum Bäume. Dafür trockenes Land mit weiter Aussicht nach Süden und Osten.

Der erste Blick auf den Almorchón, davor ein Stausee (Embalse de Alfonso XIII.).
Das Gelände wird hügeliger und der Vormittag immer wärmer. Das Longsleeve, das ich am Morgen noch an hatte, habe ich schon nach der ersten halben Stunde gegen ein leichtes Shirt und Sonnencreme eingetauscht. Trotz einem etwas kühlenden Wind wird mir schon weit vor Mittag richtig warm in der prallen Sonne. Der Forstweg schlängelt sich höhehaltend durch viele kleine Seitentäler und bietet maximal so alle 30 Minuten mal ein paar schattige Meter zum kurzen Durchschnaufen.

Neben dem Weg schneidet ein altes Aquädukt durch die Landschaft undhält unbeirrbar auf den Stausee zu. Die trockene Landschaft zeigt Spuren von Terrassen -- ob hier früher Landwirtschaft war oder ob hier in den letzten Jahren mit EU-Geld zaghaft mit der Wiederaufforstung begonnen wurde, finde ich indes nicht heraus. Gegen die zweite Theorie spricht, daß ich nirgends ein entsprechendes "Kofinanziert durch..."-Schild sehe, das ja sonst immer unvermeidlich ist.

Der Schotterweg mündet in eine leere Asphaltstraße und hält kurze Zeit später auf einen Tunnel zu. Ich will schon stolz meine Stirnlampe aus dem Rucksack kramen, aber im Tunnel hat's sogar Licht und eigentlich ist es vollkommen ausreichend, einfach die Sonnenbrille abzusetzen. Geht nur um eine kleine Kurve, danach führt die Straße über die Staumauer, die den Stausee an einem schmalen und steilen Tal in Schach hält, und schon geht's durch den nächsten Tunnel und wieder in die Sonne.

Ui. Sogar mit rot-weißer Wanderwegmarkierung an der rechten Tunnelwand.
Wasser. Heute ein eher seltener Anblick.

Um mich herum ist alles mit Zäunen und Verbotsschildern zugepflastert, also traue ich mich nicht richtig, mir unten am See ein Mittagspausenplätzchen zu suchen, sondern laufe noch eine Stunde weiter. Inzwischen ist es brütend warm geworden, die Kiefern riechen nach Hochsommer und ich finde kurz bevor ich die Lust verliere einen perfekten Platz unter einem Baum, direkt neben dem Stamm liegt ein großer Stein zum Draufsetzen und an den Baum lehnen. Schöner Schatten. Ich packe mein Mittagspicknick aus, auf Wunsch eines einzelnen Herren hier mal eine bildliche Darstellung des heutigen Menüs (zugegeben: etwas üppiger als sonst):

(Ja, ich trage ernsthaft ein Geschirrhandtuch als "Picknickdeckchen" mit mir rum. Erhöht den Idyllenfaktor ungemein.)
Almorchón, von der harmlosen Westseite.
Eine gute Stunde mampfe/lese/döse ich mir durch die Mittagshitze, bevor ich mich wieder zum Aufbruch zwinge. Vom Rumsitzen ist noch niemand angekommen.Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem Almorchón, vermesse ihn nochmal mit den Augen und verdränge den Gedanken, daß er hier von der Westflanke her gar nicht so schwer zu besteigen aussieht. Ein andermal, Herr Grauel. Ein andermal.

Ui. "Fuente del Obispo". "Área Recreativa". Gut, daß ich gerade schon Mittagspause gemacht habe. Wahrscheinlich wäre ich sonst bei der Aussicht auf eine Quelle schwach geworden (bzw. bei dem Gedanken daran, meinen Kopf in ein kaltes Wasserbecken zu stecken), hätte 30-40min Umweg hingelegt, um zu einer Quelle zu laufen, die wahrscheinlich gerade sowieso kein Wasser führt... Also umrunde ich weiter brav den Almorchón, der Tag wird sowieso noch lang genug. Vor mir liegen sicher noch gute 4h und den Großteil meines Wasservorrats habe ich bereits ausgetrunken.

Der Höhenzug setzt sich Kilometer um Kilometer weiter fort. Rechts hinter dem im Schatten liegenden Berg versteckt sich Cieza, das heutige Etappenziel.
Der Almorchón, diesmal die Ostseite. Sieht deutlich beeindruckender aus.
Der Weg führt für die nächsten 1,5h durch ein sandiges Trockental, ein Gewirr von kleinen Schluchten, temporären Bachläufen, wiederaufgeforsteten Kieferplantagen, zu Stein getrockneten Wegen, die vor ein paar Wochen noch aus Schlamm bestanden. Heiß, staubig, stickig. Ich peile inzwischen sehr genau, wieviele Stunden ich noch vor mir habe und wann ich wieviel Trinken kann, damit's heute bis zum Ende reicht. Das Leitungswasser aus Calasparra ist inzwschen brühwarm und schmeckt penetrant nach Chlor; Erfrischung sieht anders aus. Ich fantasiere statt dessen von einer kalten Dusche heute Abend im Hotel.


Langsam windet sich der Weg aus dieser Sandkiste wieder nach oben, auf ein kleines Plateau, wo wenigstens für's Auge wieder das etwas saftigere Grün der Mandelbäume herrscht. Kurz darauf entscheide ich mich, die nächsten Kilometer auf der Straße weiterzugehen: Der Schatten der Pinienallee ist einfach zu verlockend.


Die letzten Kilometer geht's nochmal ein paar hundert Höhenmeter rauf auf halbe Höhe des Cerro de la Atalya, dafür wird mir Cieza aus dem Silbertablett der schönen Aussicht sortiert. Inzwischen ist es später Nachmittag, mir kommen die ersten Freitags-Spaziergänger entgegen. Die Etappe endet spektakulär mit dem Blick auf das Castillo de Cieza, das über der Stadt thront. Vom Sattel unterhalb steige ich einen gut ausgebauten Spazierpfad hinab, durchstreife die kleine Gärten außerhalb der mittelalterlichen Stadtbezirke. Auf einer Hängebrücke überquere ich


Vollkommen erledigt und durchgeschwitzt vom Tag und der Sonne komme ich in der Altstadt an. Mein Deo dürfte schon vor Stunden versagt haben. Trotzdem zwinge ich mich dazu, nicht direkt zu meinem Hotel zu laufen -- ich weiß genau: Wenn ich erstmal geduscht habe und auf dem Bett liege. komme ich so schnell nicht mehr hoch. Deshalb durchforste ich vorher noch die Altstadt nach einem Laden, der mir einen Berg kalte Getränke verkauft. Meine Beute: 3 eiskalte Dosen Bier, 2 Dosen Cola und eine 2l-Flasche Eistee. Das erste Bier knacke ich kurz darauf, während ich in meinem überraschend eleganten Hotel unter der Dusche stehe. Die ultimative Belohnung. Und ich hatte recht damit, vorher noch Getränke einzukaufen: Den restlichen Abend komme ich nicht mehr aus meinem Zimmer raus, selbst das Abendessen hänge ich an den Nagel. Ein paar Reste vom Mittagessen habe ich immerhin noch im Rucksack...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen